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Leben auf dem Land – Stadtmensch im Herzen

Ubi bene, ibi patria.
Wo es dir gut geht, dort ist die Heimat. (Pacuvius)

Ich wohne in einem Dorf mit 3000 Einwohnern. Wohnst Du noch oder lebst Du schon? Gern oder ungern? Das ist die Frage! Denn eigentlich bin ich ein Stadtmensch im Herzen. Ich liebe die Stadt – mein Vorteil, dass wir mehrere Kleinstädte in der Umgebung haben, eine Großstadt in der Nähe und eine etwas weiter entfernt aber unglaublich Wichtige für mich.

Denn damals – vor den Kindern, da lebte ich auch schon in diesem Dorf. Ich bin hier aufgewachsen, zur Schule gegangen, zum Sportverein. ich nenne es heute noch liebevoll mein „Gefängnis“. Ich kam nicht raus. Besuch musste sich schriftlich anmelden. Bis ich 10 Jahre alt war, denn dann ging ich auf die weiterführende Schule im Nachbarort, dort in den Sportverein, hatte dort meine Freunde. Bis auf einen geschichtsträchtigen Tag:

Ich fand eine Freundin,

deren Ursprung in der Großstadt war. Für diese war es absolut natürlich, immer wieder in die Großstadt zu fahren, mit dem Zug, versteht sich. Und sie nahm mich mit! Welch eine Erfahrung, welch eine Bereicherung! Ich kam endlich an… in der Heimat meines Herzens.

Seitdem war nichts mehr wie es war! Oft war ich dann in der Großstadt, habe später dort gearbeitet, geshoppt bis die Kreditkarte glühte, an den jeweiligen Flußufern auf den Wiesen gelegen und gechillt, gefeiert, als gäbe es kein Morgen, geliebt, gelacht. Immer neue Menschen kennengelernt. Gelebt. Die Nächte zum Tag gemacht.

Und bin am nächsten Morgen in meinem Bett im Dorf aufgewacht! Warum ich nicht weggezogen bin, in die Stadt? Ganz klar, aus dem selben Grund, warum ich noch immer hier wohne. Ich wohne hier mietfrei. Erst in der Wohnung meiner Oma, nun in deren Haus. Das bedeutet: Mehr Geld fürs Shoppen.

Ich kann mich mit dem Dorfleben nicht identifizieren.

Andersrum: was ist denn Dorfleben? In unserem Dorf gibt es das nicht. Es gibt ein Vereinsleben aber keine Dorfgemeinschaft. Jeder brödelt für sich. Dieses Dorf, in dem ich lebe, hält nichts Attraktives für mich bereit. Keine Kaffees, keine Restaurants, außer das Vereinsheim nicht einmal eine Kneipe. Die Bäcker schließen nach und nach, Metzger gibt es nicht, alle weiteren Geschäfte, Apotheken und Ärzte sind nur in den Nachbarorten. Bei uns? Nix.

Warum ich hier nicht wegziehe?

Weil inmitten dieses Dorfes etwas ist: Mein zu Hause. Mein Stückle heile Welt. Hier wohne ich, hier lebe ich, hier bin ich einfach ich. Hier leben meine Tiere, meine Familie. Hier ist mein WLan. Die Ruhe nachts, wenn ich mit dem Hund durch die Straßen schlendere, die erdet mich. Es ist so ruhig, ich könnte nackt durch die Straßen gehen. Vielleicht mache ich das irgendwann mal. Mal sehen.

Ich kenne jeden Stein, jeden Baum. Die Luft ist ein bisschen besser, auch wenn ich es mir nur einbilde, alles ist etwas grüner, vertrauter. Wie sagt Mark Forster so treffend: „Zum Kotzen vertraut“. Ich fühle mich ausgebremst. Das ist manchmal echt gut – wenn ich so am Abtriften bin.

Die Grundschule hier.

Eine idyllische kleine Schule. Ich weiß nicht was ich dazu sagen soll. Bin ich doch die Schulelternbeirätin. Warum ich das bin? Weil es sonst keiner machen wollte. Denn so engagiert wie die Menschen hier am Dorfleben teilnehmen (Ironie gewünscht), so sehr engagieren sie sich an der Schule.

Für ihre Kinder tun sie alles. Bringen sie bis zur Tür in die Schule, legen sich mit der Schulleitung an – ach, ein Vorteil des Dorflebens: in der Großstadt werden sich die Kinder selbst überlassen, müssen sich alleine durch den Dschungel schlagen, weil die Eltern dort einfach anders sind. Das Grauen! Das Grauen namens Selbstständigkeit. Vertrauen ins Kind. Loslassen. Entwickeln einer eigenen Persönlichkeit. (Sarkasmus off)

Diese Menschen auf dem Dorf, die es lieben, andere zu verurteilen, sie in Schubladen zu stecken, sie auszugrenzen. Die es toll finden von sich auf andere abzulenken. Natürlich, es sind nicht alle so. Denkt einfach mal drüber nach.

Freunde habe ich hier kaum welche

– ich suche hier auch nicht. Die Menschen hier – alles ehrliche mehr oder weniger arbeitende Menschen, alle sich irgendwie ähnlich, kaum Individuen, Menschen, die die Nase rümpfen wenn einer anders ist. Die, die auch wie ich anders sind, sich nicht anpassen wollen, die sieht man nicht im Dorf. Die sind zu Hause. Wie ich.

Und wenn ich nicht zu Hause bin, dann bin ich in den umliegenden Kleinstädten, aber auch in der Großstadt. Ein Kaffee in der Hand, neue Menschen kennenlernen, lachen, leben. Meine Kinder geniessen das. Eis an jeder Ecke. Brezeln auch. Menschen aller Art und Typus. Geschäfte. Es gibt immer was zu sehen, was zu erleben. Eine neue Ausstellung im Museum? Los, rein. Später in die Oper. Hachz.

Irgendwann – bin ich hier weg. Denn mein Herz schlägt nun mal für die Großstadt, für die Anonymität. Wenn die Kinder groß sind, spätestens dann. Ich werde auch nicht jünger – und möchte mein Leben genießen ohne vorher 20 Minuten mit dem Auto fahren zu müssen. Ich will das vor meiner Tür! Bis dahin wohne ich weiterhin hier im Dorf, lebe in der Stadt. Ja, der Plan ist gut!

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