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Mein Leben mit einem besonderen Bruder

Ein Beitrag aus meinem Leben – viele Menschen zeigten in letzter Zeit Interesse an meinem „Outing“, dass mein Bruder später meine Schwester wurde. Deshalb verfasse ich heute einen wieder sehr persönlichen Beitrag. Mein Leben mit einem besonderen Bruder.

Unsere Kindheit

Unsere Kindheit war ziemlich normal… zumindest meine, aber um mich geht es heute ja nicht.

Ich hatte einen großen Bruder, 7 Jahre älter. Wir liebten uns sehr. Wie Schwester und Bruder. Wie Geschwister.

Mein Bruder war ein Scheidungskind, denn unsere Mutter war schon einmal verheiratet. Allerdings war mein Bruder noch sehr klein, mein Vater nahm ihn wie seinen eigenen Sohn an. Er wünschte sich eine kleine Schwester – nochmal Glück gehabt, dass ich doch tatsächlich ein Mädchen wurde!

Bei meinem Bruder löste das allerdings etwas aus… hatte er sich doch vorher nur mit Jungs-Sachen beschäftigt, kam in ihm ein Neid hoch! Ein Neid, den er natürlich nicht einordnen konnte. Dieser Neid machte ihn schier verrückt! Konnte er doch diese Gefühle in ihm nicht beschreiben! War er doch ein Kind.

Als mein Bruder in die Pubertät kam, wurde es schlimmer. Wir hatten kein gutes Verhältnis mehr, denn ich konnte mit ihm nicht mehr normal umgehen. Ich war noch ein Kind, er fing an sich zu einem jungen Mann zu entwickeln, hatte viele Konflikte mit Mitschülern, kaum Freunde.

Die Diskussionen mit unseren Eltern gingen los, auch um Körperhygiene. Meinen Eltern fiel auch auf, dass er sich irgendwie anders entwickelte als man es erwartet. Aber so richtig darüber gesprochen wurde nie!

Als ich dann älter wurde, öffnete sich mein Bruder mir gegenüber. Im Grunde sein erstes Coming out. Es fing mit komischen Fragen an und ich fühlte mich belästigt. Mein Bruder war schließlich 17 und ich 10. Er wollte so viel von mir wissen, was ich garnicht beantworten konnte. Wie es sich anfühle, ein Mädchen zu sein. Ob ich mir nicht manchmal wünschte, ein Junge zu sein. Ob ich ihm Schminke besorgen könne, für eine Freundin. Parfum. Ich fand das schräg.

 

Im Nachhinein weiß ich natürlich, was in ihm vorging

Es hat bei mir ein Jahr gedauert, bis ich es ein Stück weit kapierte. Ich sprach mit einem Vertrauenslehrer darüber und er öffnete mir die Augen.

Ohne groß darüber zu reden, besorgte ich meinem Bruder Make-up und Parfum. Welche Qualen er bis dahin hinter sich gebracht hatte, darüber machte ich mir keine Gedanken. Aber es erklärte, warum er immer so zerrissen war. Er hatte viele Jahre Versteckspiel hinter sich. Jeder transexuelle Mensch weiß, was ich meine. Was das mit einem Menschen macht. Es war für ihn schlimm, zu sehen, dass ich, dass jede Frau ihre Weiblichkeit ausleben durfte, er aber nicht. Wo er sich doch als weiblich empfand. Er erzählte mir, dass er Ekel empfand, wenn er sich gewaschen hat, also da unten. Dass er Ekel empfand, wenn er sich nackt im Spiegel anschaute. Er hatte Frauenkleider im Schrank versteckt, die er heimlich trug. Aber ganz heimlich. Seine Sexualität konnte er nicht genießen. Das war für ihn falsch. Alles war irgendwie falsch.

Die Bundeswehr, damals noch Pflicht, war das schlimmste Martyrium. Er fühlte sich nicht den Männern hingezogen. Und fühlte sich nicht als Mann. Er versuchte, viele Situationen zu vermeiden, was auffiel.

Als er damit fertig war, konnte er einfach keinen Fuß fassen. Der Versuch, wieder in den gelernten Beruf zu kommen, er war Koch, scheiterte. Mit unseren Eltern gab es viel Streit, weshalb er zu Hause rausflog. Unsere Eltern dachten, dass wäre seine Chance, auf eigenen Beinen zu stehen. Es wurde aber eher schwieriger. Er zog weiter weg, fand eine Frau, die er sehr liebte und sogar heiratete. Als er sich nach einer Weile ihr öffnete und sagte, dass er sich nicht in seinem Körper wohlfühlte, verstand sie das nicht. Sie hatte schließlich einen Mann geheiratet und keine Frau!

Mein Bruder hatte die Schnauze voll – vom Versteckspielen, vom Nicht-akzeptiert werden! Er rebellierte auch gegen seine Frau – und verlor. Denn er trug ab da nur noch Frauenkleider, rasierte sich die Beine! Leider war mein Bruder mit den gleichen Genen wie ich und dazu männlichen Hormonen ausgestattet… er hatte ein Haarwuchs, der einfach unglaublich war! Und natürlich auch Bartwuchs, sehr dunkle Haare.

 

Nach der Trennung von seiner Frau wollte er Nägel mit Köpfen machen!

Er kam wieder zu uns zurück, verbrachte viel Zeit mit mir, was ich sehr genoß, denn ich vermisste ihn sehr, unser Kontakt war sehr eng. Er hat mich nie gefragt, was ich davon hielt, dass er nun langsam immer mehr eine Frau wurde. Er wusste, dass ich ihn liebte – egal wie! Und voll hinter ihm stand. Wir waren zusammen beim Friseur – er hatte deutlich schönere und längere Haare als ich. Wir waren zusammen shoppen –  und zogen alle Blicke auf uns! Wir lebten!

Allerdings musste ich auch mein Leben weiterführen, weshalb wir nicht so den Kontakt haben konnten, lebten wir doch in zwei verschiedenen Welten.

Es dauerte dann nicht mehr lange, da ging mein Bruder das erste mal mit seinem Anliegen zu Ärzten. Eine Hormonbehandlung begann. Wir stritten, mehr als je zuvor. Er machte eine zweite Pubertät durch! Das Haarwachstum wurde allerdings nicht weniger, weshalb er sich die Haare im Gesicht weglasern lies. Sicher auch keine schmerzarme Prozedur. Er nahm so viel auf sich! Und wurde nicht akzeptiert. Keiner stellte einen Koch mit Identitätsproblem ein. Freunde finden –  schwierig. Eine Frau finden – noch schwieriger, denn auch homosexuelle Frauen, die sich interessiert zeigten, verloren das Interesse, sobald sie mitbekamen, dass da eben noch ein Körperteil zuviel war.

 

Das Körperteil, vor dem sich mein Bruder sein Leben lang ekelte! Dass ihm Leid verschaffte.

 

Nach vielen Untersuchungen und Gutachten wurde ihm eine geschlechtsangleichende Operation genehmig und eine Namensänderung durchgeführt.

Danach –  ein neuer Mensch! Sie wollte nicht mehr akzeptiert werden –  es war ihr eigentlich egal! Sie konnte sich lieben! Endlich! Nach so einer langen Zeit!!! Nach diesem Martyrium!

 

Sexual Healing!

 

Ich habe meine Schwester noch nie zuvor so entspannt erlebt! Glücklich!

Leider blieb die Suche nach einer festen Partnerin schwierig. Aber sie wurde geliebt! Eben nicht auf Dauer, aber von vielen Menschen geliebt und wertgeschätzt!

Sie hielt sich weiterhin mit Minijobs über Wasser. Da sie schon immer viel rauchte, was wohl in ihrer vorherigen Geschichte zum Ausgleich und Ventil diente, konnte sie nicht damit aufhören. Das wurde ihr zum Verhängnis. Die Mischung aus Hormontabletten, die sie natürlich weiternehmen musste, und den Zigaretten lösten einen Herzinfarkt aus, den sie überstand. Als sie in die Reha sollte, wollte sie lieber einem Job nachgehen, hat dies unterschätzt. Der zweite Herzinfarkt war ihr sehr frühes Ende. Alleine. In einem Bauwagen. Mit ihrer Katze. Die ich behütete wie ein Schatz. Nun ist sie bei ihrem Frauchen.  

Ich vermisse meine Schwester. Jeden Tag.

Ich vermisse es, mich über sie aufzuregen. Mich mit ihr zu streiten. An ihr herumzukritisieren und sie an den Rande des Wahnsinns zu bringen. Und sie mich. Schwestern – bis in den Tod. Ich verlor meinen Bruder und meine Schwester.

R.i.P. Andrea 1970 – 2014

Dies war ein Auszug aus meinem Leben mit einem besonderen Bruder.

Eure Bea.

15 Kommentare

  • Janine

    Ich musste mich erst mal sammeln bevor ich dir einen Kommentar hinterlasse. Sehr schwere Kost, die du dir hier von der Seele geschrieben hast, das war bestimmt nicht einfach – dafür ziehe ich meinen Hut.
    Schön, dass du Andrea geliebt hast, ganz unabhängig vom Geschlecht. Man sollte meinen, dass das doch ganz egal ist, immerhin ist man immer ein Mensch. Das ist in der Gesellschaft bis heute aber leider noch nicht ganz angekommen.
    Für deinen weiteren Weg wünsche ich dir alles Liebe und schöne Erinnerungen an dein Familienmitglied.
    Liebe Grüße,
    Janine

  • HeidiHeidi

    Ich bin ehrlich gesagt so gerührt und ergriffen von diesem Post, dass ich gar nicht weiß, was ich dir da jetzt kommentieren könnte. Ich find es toll, dass du ihre Geschichte erzählt hast und es tut mir leid, dass ihr euch so früh schon trennen musstet.
    Liebste Grüße,
    Heidi von wilderminds.de

  • Avaganza

    Liebe Beate,
    danke für diesen wunderschönen, persönlichen und wertvollen Beitrag! Du hast deinen Bruder in der schweren Zeit wirklich perfekt unterstützt – das finde ich wunderschön <3! Dass er viel zu früh gehen musste und finde ich sehr traurig. Da fehlen mir gerade die richtigen Worte …
    fühl dich umarmt!
    Liebe Grüße
    Verena

  • Anonymous

    Wow. Ich bin gerade wirklich sprachlos… Ich hab Gänsehaut, mir laufen die Tränen herunter. Allen Respekt an dich, dass du immer gerecht und aufrichtig warst und dich nicht dafür interessiert hast, was andere sagen. Solche Menschen brauchen wir viel mehr in dieser Welt. Deiner Schwester wünsche ich da oben im Himmel, dass sie ihren Frieden findet.. Im eigenen Körper nicht ich selbst zu sein zu können, stelle ich mir schrecklich vor. Alles Liebe für dich. Magdalena

  • Christina Key

    Das ist wirklich verdammt heftig, vor allem weil Deine Schwester noch ihr ganzes Leben vor sich hatte. Es tut mir unglaublich leid, ich kann gut nachvollziehen wie sich das angefühlt hat, diese Zeilen zu schreiben, da ich leider auch schon zwei sehr geliebte Menschen verloren habe. Ich finde es wahnsinnig mutig von Dir solch einen Beitrag zu verfassen, denn sowas ist überhaupt nicht leicht!
    Möge Deine Schwester nun in Frieden ruhen. ♥ Ihr trefft euch bestimmt in einem anderen Leben wieder.
    Alles Gute für Dich liebe Bea! ♥

  • ChillJil

    Ein wirklich ergreifender Beitrag. Danke, dass Du diese private Geschichte mit uns geteilt hast. Das war bestimmt nicht leicht… Ich hoffe, Deine Schwester hat ihren Frieden gefunden und wacht nun über Dich.
    Liebe Grüße
    Jil

  • Steffi

    Hey,
    ein wahnsinnig schöner, berührender Beitrag. Ich habe immer noch Gänsehaut. Mir fehlen wirklich die Worte… Schade das euch das Schicksal schon trennen musste.

  • missfinnland

    Als ich den Beitrag zu lesen begann, hoffet ich so sehr auf ein gutes Ende. 🙁 Schade und es tut mir wahnsinnig leid, dass du deine Schwester und deinen Bruder verloren hast. Doch eigentlich kannst du auch glücklich sein. Denn du weißt, sie ist so gestorben wie sie „wollte“: Als Frau!
    Alles Liebe!

  • inaaltoet

    danke das du uns teilhaben lässt an diesem besonderem Menschen, deiner Schwester! Schade das sie so früh gehen musste, aber auch schön zu lesen, das sie es dann doch schaffte als Frau zu leben, wenn auch nicht sehr lange. Super das du sie in dieser schwierigen Zeit so unterstützen konntest.
    Lg aus norwegen
    Ina

  • Tanja

    Danke, dass du deine Erfahrungen mit diesem extrem persönlichen Thema mit uns teilst. Wenn du nur einen Menschen damit dazu bringst, seine Vorurteile abzulegen, dann hast du schon viel erreicht!

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